MTB-Helm kaufen: Halbschale, Open-Face oder Fullface?
MTB-Helm kaufen: Halbschale, Open-Face oder Fullface? Warum EN 1078 den Kinnbügel nicht prüft, und wann ASTM F1952 zwingend wichtig wird.

Ein MTB-Helm unterscheidet sich technisch deutlich stärker von einem Rennradhelm, als viele Käufer annehmen – vom tiefer gezogenen Hinterkopfschutz bis zur Frage, ob ein Kinnbügel überhaupt sinnvoll geprüft wird. Dieser Guide erklärt, welcher Helmtyp zu deinem Terrain passt.
Warum MTB-Helme anders gebaut sind
Anders als beim Rennrad, wo Stürze meist nach vorne erfolgen, kippen Mountainbiker im Gelände häufig nach hinten oder seitlich – etwa bei Wurzeln, Steinen oder unerwarteten Bodenwellen. Deshalb ziehen MTB-Helme den Schutz deutlich tiefer in den Hinterkopf- und Schläfenbereich als klassische Rennradhelme. Eine robustere Außenschale und ein stabilerer Kinnriemen ergänzen dieses Konzept – auf Kosten von etwas mehr Gewicht gegenüber den superleichten Aero-Modellen aus dem Rennradsegment.
Die vier Grundtypen im Überblick
Halbschale (Trail/XC-Helm): Der Standard für Cross-Country- und moderate Trail-Fahrten. Leicht, gut belüftet, ohne Kinnschutz. Für die meisten Feierabendrunden und Touren völlig ausreichend.
Open-Face-Helm (Jethelm): Umschließt den kompletten Kopf inklusive Ohren, verzichtet aber auf einen Kinnbügel. Bietet mehr Abdeckung als eine Halbschale, bleibt aber luftig genug für Anstiege. Unter Enduro-Fahrern seit einigen Jahren wieder beliebt.
Fullface mit festem Kinnbügel: Der klassische Downhill- und Bikepark-Helm. Umschließt den gesamten Kopf wie ein Motorradhelm, mit fest montiertem Kinnschutz. Bergauf treten damit ist unbequem und überhitzt schnell – diese Helme sind für den Lift oder Shuttle-Betrieb gedacht, nicht für Touren mit eigener Kraft bergauf.
Fullface mit abnehmbarem Kinnbügel (Convertible): Der Kompromiss für Enduro-Fahrer, die selbst hochtreten und trotzdem maximalen Schutz bergab wollen. Der Kinnbügel wird für den Anstieg abgenommen und im Rucksack verstaut, für die Abfahrt wieder angeclipst.
Der wichtige Normen-Unterschied, den viele nicht kennen
Hier liegt ein zentraler, oft übersehener Punkt: Die europäische Pflichtnorm EN 1078 prüft den Kinnbügel überhaupt nicht. Sie testet ausschließlich die Hauptschale. Ob ein Fullface-Helm seinen Kinnschutz im Ernstfall tatsächlich hält, sagt EN 1078 also gar nichts aus.
Die aussagekräftige Norm für den Kinnbügel ist die US-amerikanische ASTM F1952 – speziell für Downhill entwickelt, mit höheren Testgeschwindigkeiten und Mehrfach-Belastungstests. Zusätzlich muss der Kinnbügel selbst einen Ablenkungstest (Deflection Test) bestehen. Die Faustregel aus mehreren unabhängigen Tests: Ohne ASTM-F1952-Zertifizierung ist ein Fullface-Helm im Zweifel eher Marketing als echter Downhill-Schutz. Bei Enduro-Rennen ist ein nach dieser Norm zertifizierter Helm häufig sogar verpflichtend vorgeschrieben.
Ein deutscher Test von BIKE-Magazin ging noch einen Schritt weiter: Da EN 1078 den Kinnbügel nicht prüft, ließ das Magazin sechs Helme mit abnehmbarem Kinnbügel eigens beim TÜV Rheinland testen – orientiert an der Motorradhelm-Norm ECE 22, mit einem Aufprall bei reduzierter Geschwindigkeit (16,5 km/h) und einer maximal zulässigen Verzögerung von 250 g.
Was ein aktueller Test zeigt
Ein Vergleichstest von fünf leichten Fullface-Helmen (Stand: 22. August 2026) bestätigt: Alle fünf Modelle im Test erfüllen ASTM F1952, ein Modell (Bluegrass Vanguard Core) zusätzlich sogar NTA 8776 und die australische AS/NZS 2063 – für alle, die auch mit dem E-Bike ins Gelände fahren, ein Pluspunkt. Bemerkenswert: Der iXS Trigger FF wiegt bei voller Downhill-Zertifizierung nur 595 Gramm und fühlt sich laut Test eher wie ein gut belüfteter Trail-Helm an als wie ein klassischer, schwerer DH-Helm – ein Beleg dafür, wie weit sich leichte Fullface-Helme technisch entwickelt haben.
Abnehmbarer Kinnbügel: sinnvoll oder unnötiges Gewicht?
In der Praxis gibt es zu diesem Punkt durchaus unterschiedliche Meinungen unter erfahrenen Fahrern. Ein abnehmbarer Kinnbügel bringt zusätzliches Gewicht mit sich, ohne dass dieses Gewicht selbst zur Sicherheit beiträgt – manche Vielfahrer bevorzugen deshalb bewusst einen fest verbauten Kinnbügel, wenn sie ohnehin fast ausschließlich im Bikepark unterwegs sind. Wer dagegen selbst hochtritt und Wert auf Belüftung beim Anstieg legt, profitiert klar von der abnehmbaren Variante.
Für wen welcher Helm?
- Cross-Country und flowige Trails: Eine gute Halbschale reicht völlig.
- Enduro mit gelegentlichen Bikepark-Besuchen: Open-Face-Helm oder Fullface mit abnehmbarem Kinnbügel.
- Regelmäßiger Bikepark- und Shuttle-Betrieb: Fullface mit festem Kinnbügel, zwingend mit ASTM F1952.
- E-MTB im Gelände mit höherem Tempo: Zusätzlich auf NTA-8776-Kennzeichnung achten, wie in unserem allgemeinen Fahrradhelm-Kaufratgeber beschrieben.
Fazit
Der richtige MTB-Helm hängt fast ausschließlich vom tatsächlich gefahrenen Terrain ab – nicht vom Wunsch-Terrain. Wer nur Cross-Country und moderate Trails fährt, braucht keinen Fullface-Helm. Wer regelmäßig im Bikepark unterwegs ist, sollte gezielt auf die ASTM-F1952-Zertifizierung des Kinnbügels achten, da die europäische EN-1078-Norm diesen wichtigen Schutzbereich schlicht nicht abdeckt – ein Detail, das im Handel selten aktiv kommuniziert wird.
Etwas stimmt nicht mit diesem Artikel?